Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Jugendlichen in einem Bus, die einen anderen ausgrenzen

© JKW, MDHS

Das Motto des Jugendkreuzweges "dahinter - tiefer sehen weiter gehen" greift Erfahrungen aus der biblischen Passion auf, die auch manche Jugendliche kennen: Anfangs erlebt man vielleicht Zustimmung und plötzlich ändert sich das, was einem entgegenkommt. Man fühlt ich abgestempelt. Der Kreuzweg bietet Impulse, genau jetzt weiterzugehen.
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Kreuzweg neu entdecken: Hinschauen, wo es weh tut und Halt finden

veröffentlicht 10.03.2026

von Rita Haering

Missverstanden. Verloren. Abgestempelt. Es gibt Phasen die uns richtig zu schaffen machen – Angst, Trauer oder das Gefühl, ins Abseits gestellt zu werden. Ein Kreuzweg schenkt Impulse, die helfen können, Belastungen und Leid wahrzunehmen und verarbeiten. Als Andachtsform mit langer Tradition führt er Christinnen und Christen den letzten Weg Jesu vor Augen und lädt dazu ein, das eigene Leben neben seinem zu betrachten – im Vertrauen darauf, dass ihm kein menschliches Leid fremd ist.

Termin für den „Ökumenischen Jugendkreuzweg“ 2026:

Der nächste ökumenische Jugendkreuzweg findet am Dienstag, 24. März 2026, ab 17 Uhr statt. Er beginnt in der Evangelischen Bergkirche in Zwingenberg und steht unter dem Motto: „dahinter. Tiefer sehen, weiter gehen.“
mehr über den Ökumenischen Jugendkreuzweg am Melibokus

„Ablehnung, Streit, private oder berufliche Belastungen oder das Gefühl, nicht zu genügen – vieles kann auf der Seele drücken. Das kennen die meisten. Die schweren Seiten des Lebens und Zeiten der Trauer gehören dazu, auch wenn wir ihnen am liebsten ausweichen würden. Ein Kreuzweg während der Passionszeit bietet die Möglichkeit, sich über diese Erfahrungen auszutauschen, sich damit auseinanderzusetzen und sie zu verarbeiten“, ermutigt Pfarrerin Hannah Woernle aus dem südhessischen Alsbach. Diesen Ansatz untermauern auch psychologische Erkenntnisse, wonach es langfristig hilfreicher ist, Leid nicht zu verdrängen, sondern es wahrzunehmen und aktiv zu werden.

Kreuzwege mal anders: Impulse, um Leid zu verarbeiten

Der christliche Glaube ermutigt dazu, hinzusehen, wenn Menschen leiden. Ein Kreuzweg bietet dafür einen geschützten Raum. Er verbindet die biblische Geschichte vom Leiden Jesu mit den Erfahrungen der Menschen heute.

Mit dem Ökumenischen Jugendkreuzweg greift der evangelische Nachbarschaftsraum „Evangelisch am Melibokus“ bewusst diesen Ansatz auf. Das spirituelle Angebot verbindet die Lebenswelt junger Menschen mit der christlichen Tradition. Jugendliche gestalten Stationen, die helfen, eigene Belastungen wahrzunehmen und darüber ins Gespräch zu kommen. Vor Ort initiieren das Pfarrteam und Gemeindepädagogin Stella Rascher den Kreuzweg.

Gemeinschaft erleben, Glauben teilen und in Jesu Erfahrungen Halt finden

Für Pfarrerin Woernle aus Alsbach ist wichtig, dass beim Kreuzweg das Leid nicht das letzte Wort hat. Jugendliche und Konfirmand:innen bereiten die Stationen mit Materialien der Initiative „Ökumenischer Jugendkreuzweg“ vor. Die Impulse sind so gestaltet, dass sie helfen, eigene Sorgen auszudrücken und neue Perspektiven zu gewinnen, beispielsweise durch Rollenspiele oder Lieder.
Eine Station hat Woernle besonders bewegt: Junge Leute konnten ihre Sorgen auf Zettel schreiben und an ein Holzkreuz nageln. „Das hat vielen geholfen, ein Stück Abstand zu gewinnen und ihre Sorgen symbolisch abzugeben“, sagt sie.

Die Pfarrerin erlebt immer wieder, dass es die Teilnehmenden als stärkend erleben, wenn sie sich zwischen den Stationen miteinander austauschen, gemeinsam beten und singen. Bei vielen entstehe durch die Impulse auch das Gefühl: `Ich bin nicht allein mit meiner Belastung. Auch Jesus hat Schweres erlebt. Er versteht mich.`
Materialien und Ideen stellt die Initiative „Ökumenischer Jugendkreuzweg“ jedes Jahr neu bereit:
 

Was ein Kreuzweg ist und warum er heute wichtig bleibt

Ein Kreuzweg führt in meist 14 oder 15 Stationen durch die letzten Schritte Jesu: von seiner Verurteilung bis zu seiner Grablegung – und in manchen Traditionen bis zur Auferstehung. Christinnen und Christen erinnern dabei an die Ungerechtigkeit, den Schmerz und den Tod, die Jesus erlitten hat. Gleichzeitig richtet der Kreuzweg den Blick auf Menschen heute, die unter Unterdrückung, Benachteiligung, Gewalt oder existenzieller Not leiden.

Der Kreuzweg verbindet so zwei Ebenen:

  • die biblische Geschichte, die von Leid, Mut und Liebe erzählt
  • die Gegenwart, in der Menschen ähnliche Erfahrungen machen

Ein Kreuzweg ist in der Regel offen für alle – unabhängig von Konfession oder Glaubenshintergrund. Er lädt dazu ein, innezuhalten und sich zu fragen:

  • Was hat Jesus erlebt – und warum? 
  • Welche Verhaltensweisen und Motive anderer Menschen haben zu seinem Leid beigetragen? 
  • Wo kenne ich solche Erfahrungen aus meinem eigenen Leben? 
  • Wie kann ich ausdrücken, was mich belastet – mit Worten, Musik, Kreativität oder Stille? 
  • Was wünsche ich mir von anderen Menschen, wenn ich an meine Grenzen komme? 
  • Wie kann ich selbst anderen beistehen, ohne mich zu überfordern? 
  • Was hilft mir, gut für mich zu sorgen, wenn das Leben schwer wird? 
  • Welche Hoffnung oder Perspektive möchte ich aus diesem Weg mitnehmen?

Ursprung und Tradition des Kreuzwegs

Die Tradition des Kreuzwegs reicht bis in die frühe Christenheit zurück. Schon die ersten Christinnen und Christen suchten in Jerusalem die Orte auf, an denen Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung vorbeigegangen war. Der ursprüngliche Kreuzweg bestand aus zwei zentralen Punkten:

  • der Burg Antonia, wo Jesus durch Pontius Pilatus verurteilt wurde
  • dem Hügel Golgata, dem Ort der Kreuzigung

Der Weg zwischen diesen beiden Orten wird bis heute „Via Dolorosa“ (Schmerzensweg) genannt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden weitere Stationen ergänzt, die Szenen aus der biblischen Passionsgeschichte darstellen. So entstand der Kreuzweg mit 14 Stationen, der heute weltweit verbreitet ist. Manche Kreuzwege enden mit einer 15. Station, die die Auferstehung Jesu aufnimmt.

Ursprünglich ist der Kreuzweg eine katholische Frömmigkeitspraxis. Über viele Jahrhunderte prägten Prozessionen, Bildtafeln und die Nachbildung der Via Dolorosa diese Tradition. In der evangelischen Kirche spielte der Kreuzweg lange Zeit eine geringere Rolle – auch, weil die Reformation Formen der Leidensfrömmigkeit kritisch sah, die Leid als verdienstvoll deuteten.

Heute hat sich der Blick verändert. Viele evangelische Gemeinden entdecken den Kreuzweg im ökumenischen Sinne neu: als Weg, der hilft, eigenes Leid wahrzunehmen und solidarisch auf das Leid anderer zu schauen. Das Kreuz der 14. Station erinnert dabei an den leidenden und liebenden Gott, der Hoffnung über den Tod hinaus schenkt.

Wie der Kreuzweg nach Europa kam

Da im Mittelalter nur wenige Menschen nach Jerusalem pilgern konnten, entwickelte sich in der katholischen Kirche der Brauch, den Leidensweg Jesu vor Ort nachzubilden. Gemeinden legten Wege in der Länge der Via Dolorosa an, oft hinauf zu einem Hügel, der an den Kalvarienberg erinnerte. Bildtafeln oder Skulpturen zeigten die einzelnen Szenen des Leidenswegs. Auch in vielen Kirchen entstanden Kreuzwegdarstellungen, die bis heute zu sehen sind.

Heute lädt ein Kreuzweg lädt dazu ein, Leid wahrzunehmen – das eigene und das anderer Menschen, aber sich nicht darin zu verlieren. Wer hinschaut, kann besser verstehen, was verletzt, was überfordert, was Angst macht. Und wer versteht, kann Wege finden, gut für sich zu sorgen, Hilfe anzunehmen und solidarisch zu handeln.

Die 15 Stationen eines Kreuzweges

Die Stationen des Kreuzwegs greifen extreme Erfahrungen des Leidens auf – Erfahrungen, die menschliche Grenzen überschreiten und doch Teil unserer Wirklichkeit sind. Der Weg führt auf ein Ende zu, das kein Ende bleibt. Denn der Tod am Kreuz hat nach christlichem Verständnis nicht das letzte Wort.

  1. Jesus wird zum Tod verurteilt
    Pilatus spricht das Urteil – ein Symbol für Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch.
  2. Jesus schultert das Kreuz 
    Er trägt eine Last, die er nicht verdient hat – ein Bild für unfreiwillige Belastungen.
  3. Jesus fällt zum ersten Mal
    Der erste Zusammenbruch unter der Last – ein Moment der Überforderung.
  4. Jesus begegnet seiner Mutter
    Ein Augenblick tiefer Verbundenheit und des Schmerzes zwischen Mutter und Sohn.
  5. Simon von Kyrene hilft Jesus das Kreuz tragen
    Ein Fremder wird zum Helfenden – ein Bild für unerwartete Unterstützung.
  6. Veronika reicht Jesus ein Schweißtuch
    Eine kleine, mutige Geste der Barmherzigkeit mitten im Leid.
  7. Jesus fällt zum zweiten Mal
    Erneutes Scheitern – ein Zeichen dafür, wie schwer manche Wege sind.
  8. Jesus begegnet den weinenden Frauen
    Jesus sieht das Leid anderer – ein Moment gegenseitiger Anteilnahme.
  9. Jesus fällt zum dritten Mal
    Der Tiefpunkt – körperlich und seelisch. Ein Bild für völlige Erschöpfung.
  10. Jesus werden die Kleider weggenommen
    Entblößung und Demütigung – ein weiterer, großer Angriff auf seine Würde.
  11. Jesus wird ans Kreuz genagelt
    Der Moment äußerster Gewalt – ein Sinnbild für Schmerz und Ausgeliefertsein.
  12. Jesus stirbt am Kreuz
    Der Tod Jesu – ein Moment der Finsternis, aber auch der Hingabe.
  13. Jesus wird vom Kreuz abgenommen
    ein toter Körper wird in die Arme gelegt – ein Bild für Abschied und Trauer.
  14. Jesus wird ins Grab gelegt
    Stille, Endgültigkeit, Dunkelheit – der Übergang in die Nacht des Todes.
  15. Leeres Grab
    Die Auferstehung Jesu schenkt Hoffnung auf ein neues Leben anderer Art. Das Leid hat nicht das letzte Wort.

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