Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Schüler arbeiten an einem Projekt, sitzen zusammen und sprechen miteinander

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Schülerinnen und Schüler setzen die Projekte gemeinsam um

Erinnerung, die wirkt: Best Practice Projekte gegen Antisemitismus

veröffentlicht 21.01.2026

von Online-Redaktion der EKHN

Am 27. Januar ist Holocaustgedenktag. Doch wie regt man junge Leute an, sich mit dem Thema Holocaust auseinanderzusetzen? Studien zeigen: Interesse ist da – aber auch wachsende Distanz. Neue Projekte aus Schule und Jugendarbeit machen vor, wie Erinnerungskultur heute funktionieren kann. Der Referent für Interreligiösen Dialog Dr. Dr. Peter Noss stellt inspirierende Beispiele vor.

Wie steht es heute um die Erinnerung an den Holocaust – und wie lassen sich junge Menschen in einer Zeit erreichen, in der Antisemitismus wieder sichtbarer wird? Aktuelle Studien zeigen ein widersprüchliches Bild, das sowohl Hoffnung als auch Sorge auslöst.

Großes Interesse junger Menschen an Zeit des Nationalsozialismus

Die Untersuchung „Wie steht die Gen Z zur NS‑Zeit?“ des rheingold Instituts im Auftrag der Arolsen Archives macht deutlich, dass das Interesse junger Menschen an der Geschichte des Nationalsozialismus überraschend hoch ist: Drei Viertel der Befragten geben an, sich für das Thema zu interessieren. Für viele Jugendliche ist die Auseinandersetzung mit der NS‑Zeit nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern ein Schlüssel zum Verständnis ihrer eigenen Gegenwart. Die extremen Erfahrungen dieser Epoche zeigen ihnen, wohin Ausgrenzung, Hass und autoritäres Denken führen können.

Wunsch Schlussstrich unter NS-Zeit zu ziehen, nimmt zu

Gleichzeitig weist die MEMO‑Studie der Universität Bielefeld und der Stiftung EVZ auf eine besorgniserregende Entwicklung hin: Mehr als ein Drittel der Befragten spricht sich für einen „Schlussstrich“ unter die NS‑Zeit aus. Antisemitische und geschichtsrevisionistische Einstellungen nehmen zu und sind wieder stärker in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Viele pädagogisch Tätige erleben zudem, dass Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kaum noch persönlich berichten können – ein Verlust, der neue Formen der Erinnerungskultur notwendig macht.

Für Lehrkräfte, Gemeindepädagoginnen und alle, die mit jungen Menschen arbeiten, stellt sich daher eine zentrale Frage: Wie kann Holocaust‑Erinnerung heute so gestaltet werden, dass sie berührt, bildet und zum Handeln ermutigt?

Erinnerungs-Projekte, die ankommen

„Es gibt tatsächlich neue Best‑Practice‑Ideen, die junge Leute ansprechen“, sagt Dr. Dr. Peter Noss, Referent für Interreligiösen Dialog im Zentrum Oekumene der EKHN. Er begleitet selbst schulische Erinnerungsprojekte und erlebt dort, wie kreativ und wirkungsvoll Jugendliche sich mit dem Thema auseinandersetzen, wenn sie eigene Zugänge entwickeln können. Aus diesen Erfahrungen heraus hat er eine Auswahl inspirierender Projekte zusammengestellt, die zeigen, wie lebendige Erinnerungskultur heute aussehen kann.

Projekt 1: Ausstellung „Nur niemals aufgeben“ – Jugendliche gestalten Erinnerungskultur aktiv mit

Zum Holocaust-Gedenktag 2026 setzen Schülerinnen und Schüler der Josephine-Baker-Gesamtschule in Frankfurt ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus. In einer Ausstellung präsentieren sie Collagen, die sich mit zentralen Themen der nationalsozialistischen Verfolgung auseinandersetzen. Grundlage ihrer künstlerischen Arbeiten ist die Autobiografie „Nur niemals aufgeben! Eine jüdische Familiengeschichte von Rodika Rosenbaum (Pauer, 2024).
Die Jugendlichen haben sich intensiv mit der Geschichte des Holocaust, mit Fragen jüdischer Identität und mit Formen heutiger Erinnerungskultur beschäftigt. Ihre Collagen laden Besuchende dazu ein, innezuhalten, die Perspektiven einer jüdischen Familie kennenzulernen und darüber nachzudenken, wie jüdisches Leben heute sichtbar unterstützt werden kann.

Termin: 3. Februar 2026, 17 Uhr Ort: Josephine-Baker-Gesamtschule, Gräfin-Dönhoff-Str. 11, Frankfurt am Main
Projektbegleitung: Dr. Dr. Peter Noss (Referent für Interreligiösen Dialog im Zentrum Oekumene der EKKW und EKHN), das Centre for Dialogue, die Katholische Akademie sowie Lehrkräfte der Schule.
Mehr über den Termin

Projekt 2: Street Photography gegen das Vergessen

Zum Holocaust-Gedenktag hatten 2025 Schülerinnen und Schüler der Josephine-Baker-Gesamtschule ein kreatives Erinnerungsprojekt entwickelt: Mit ihren Handykameras fotografierten sie Straßenschilder auf dem Frankfurter Riedberg, die an Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden oder im Widerstand aktiv waren. Über diese fotografische Spurensuche erschlossen sie sich die Biografien und setzten sich mit unterschiedlichen Formen von Widerstand auseinander.
Begleitet von einem pädagogischen und fachlichen Team lernten die Jugendlichen Grundlagen der Fotografie, recherchierten zu den Namensgeberinnen und Namensgebern und entwickelten eigene Bildideen. Ergänzend entstand ein 3D-Modell zum Thema „Schule und Demokratie“, das an Josephine Bakers Engagement im Widerstand anknüpft.
Die Ergebnisse wurden in der Ausstellung „Namen.Erinnern.Uns.“ präsentiert.

Projektbegleitung: Lehrkräfte, Dr. Dr. Peter Noss (Referent für Interreligiösen Dialog im Zentrum Oekumene der EKKW und EKHN) und das Center for Dialogue

Projekt 3: Fahrradkorso „Weg der Erinnerung“ – Gedenken in Bewegung

Seit 1992 organisiert die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden jedes Jahr am Sonntag nach dem 9. November einen polizeibegleiteten Fahrradkorso durch die Innenstadt. Schulklassen und Jugendgruppen gestalten dafür fünf vorbereitete Stationen mit kurzen Erläuterungen und eigenen Impulsen zum jeweiligen Jahresthema. So entsteht ein niedrigschwelliger Zugang zu jüdischer Geschichte und Gegenwart – ohne historische Orte aufsuchen zu müssen.
Zwischen 150 und 200 Menschen nehmen teil. Die geschmückten Fahrräder sorgen für Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, die rund dreistündige Tour endet mit einem gemeinsamen Imbiss. Das Format verbindet Bewegung, gemeinsames Erleben und inhaltliche Auseinandersetzung – und stärkt bei Jugendlichen das Bewusstsein dafür, dass „Nie wieder“ heute relevant bleibt.

Projektbegleitung: GCJZ Dresden, Evangelisches Stadtjugendpfarramt, Katholische Dekanatsjugend, Jüdische Gemeinde Dresden
Einblick: Fahrradkorso "Weg der Erinnerung" 

Projekt 4: Café Synagoge – Begegnung schaffen, Austausch stärken

Die Initiative Café Synagoge hat gezeigte, wie niedrigschwellige Begegnungsformate Integration fördern und jüdisches Leben sichtbar machen können. Aus einem kleinen Gesprächskreis hat sich in Augsburg ein offener Treffpunkt entwickelt, der über viele Jahre hinweg jüdische Zugewanderte und interessierte Einheimische zusammengebracht hat. Ausgangspunkt war die Bitte, Menschen aus dem jüdischen Kontingentzuzug beim Deutschlernen zu unterstützen und ihnen Begegnungen im Alltag zu ermöglichen. 2004 entstand daraus das „Café Synagoge“ – ein regelmäßiger Treff mit Kaffee, Kuchen und viel Raum für Austausch.
Das Café bot ein vielfältiges Programm: Gespräche, Präsentationen, Exkursionen, Literaturabende, Vorträge und sogar jüdische Tänze. Die neuen Einwohner:innen sollten sich willkommen fühlen und Sprachbarrieren spielerisch überwinden können. Nach vielen erfolgreichen Jahren ist das Café Synagoge inzwischen beendet – doch sein Ansatz bleibt ein inspirierendes Beispiel dafür, wie Gemeinden Orte der Offenheit und des Miteinanders gestalten können.

Projektbegleitung:  Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Augsburg und Schwaben e.V.. , viele Ehrenamtliche

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