Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Gezeichnete Kirche mit Familienmitgliedern in Strichmännchenform

© Getty Images, Kleem26

Im Familiengottesdienst können auch die Jüngsten durch kindgerechte Elemente und Lieder Zugänge zum Glauben entdecken

Studie: Was Familien in den Gottesdienst zieht – und was sie bremst

veröffentlicht 15.01.2026

von Rita Haering

Eltern wissen: Der Alltag ist ein Jonglierakt. Zwischen Kita, Schule, Arbeit und Freizeit bleibt kaum Luft – und doch wünschen sich viele Familien gemeinsame spirituelle Momente. Eine Studie der Universität Leipzig zeigt nun, was Familien tatsächlich motiviert, sonntags zum Gottesdienst aufzubrechen, und wo Kirchengemeinden ansetzen können, um sie besser zu erreichen.

Wer den Sonntag mit Kindern verbringt, weiß: Jeder Ausflug wird schnell zur kleinen Expedition. Auch der Weg in den Gottesdienst ist für viele Familien ein Balanceakt zwischen Vorfreude, Organisation und der Frage: „Wird das heute gut für uns alle funktionieren?“ Genau hier setzt eine aktuelle Untersuchung an.

Das Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig hat 2025 die Studie „Gottesdienst & Familien – Logiken der Partizipation im liturgischen Leben der Kirche“ veröffentlicht. Sie geht zentralen Fragen nach:

  • Was motiviert Familien, am Gottesdienst teilzunehmen?

  • Welche Hürden erleben sie im Alltag?

  • Welche Formate sprechen sie an – und warum?

  • Wie können Gemeinden ihre Angebote familienfreundlicher gestalten?

Auch wenn die Befragung vor allem im Bereich der Evangelisch‑Lutherischen Landeskirche Sachsens stattfand, liefern die Ergebnisse und Empfehlungen wertvolle Anregungen, wie Kirche Familien heute noch besser erreichen kann.

Die Ergebnisse und Empfehlungen der Studie:

1. Hohe Relevanz des gemeinsamen Kirchgangs als „Vereinbarkeitsaufgabe“:

Die Studie zeigt, dass Eltern Gottesdienste deutlich häufiger gemeinsam mit ihren Kindern besuchen als alleine. Dabei wird der Kirchgang oft als logistische Herausforderung und „Vereinbarkeitsaufgabe“ (analog zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf) erlebt, die eine präzise Absprache und Organisation erfordert.

Empfehlung: Die Kirche sollte den Familienalltag und -rhythmus stärker in den Blick nehmen. Dies umfasst verlässliche Informationen über die Kinderfreundlichkeit eines Angebots vorab, um den Stressfaktor für Eltern zu minimieren.

2. Attraktivität spezifischer Formate und anlassbezogene Praxis

Für Familien ist der Familiengottesdienst das beliebteste Format, insbesondere für gelegentliche Besucher und Menschen, die sich selbst als eher weniger religiös einschätzen. Der Gottesdienstbesuch ist für viele Familien eine stark anlassbezogene Praxis (z. B. Weihnachten, Schulanfang oder Kasualien).

Empfehlung: Es sollten verstärkt spezifische Angebote für Familien entwickelt und deren Transparenz und Wiedererkennbarkeit durch klare Begrifflichkeiten gefördert werden. Gleichzeitig darf die Qualität des traditionellen Sonntagsgottesdienstes nicht vernachlässigt werden.

3. Bedeutung aktiver Mitwirkung und Partizipation

Wenn ein Familienmitglied (Kind oder Elternteil) eine aktive Funktion im Gottesdienst übernimmt (z. B. Musik, Technik, Lesung), steigt die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme der gesamten Familie auf 91 %.

Empfehlung: Gemeinden sollten vielfältige Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung schaffen. Dies fördert nicht nur die Bindung, sondern macht den Gottesdienst für Familien zu ihrem „eigenen“ Projekt.

4. Wunsch nach musikalischer Vielfalt

Musik und Gesang sind zentrale Elemente des Gottesdiensterlebens. Dabei wird eine musikalische Vielfalt gewünscht: Moderne Lieder und andere Instrumente als die Orgel sind sehr beliebt, aber auch traditionelles Liedgut und klassische Musik behalten für viele ihre Bedeutung.

Empfehlung: Gottesdienste sollten keine musikalische „Monokultur“ pflegen. Ein Miteinander von Tradition und Moderne ist erstrebenswert, um unterschiedliche Generationen und Vorlieben anzusprechen.

5. Regiolokale Ausrichtung und Erreichbarkeit

Die Bindung an die Gemeinde vor Ort ist mit 90 % sehr hoch. Dennoch zeigt sich bei etwa einem Viertel der Familien eine Bereitschaft zur regionalen Mobilität für besondere Angebote.

Empfehlung: Kirchliche Planung sollte „regiolokal“ denken. Das bedeutet, verlässliche Angebote vor Ort zu erhalten und diese durch profilierte regionale Schwerpunkt-Gottesdienste zu ergänzen.

6. Defizite bei Inklusion und Willkommenskultur

Familien mit Kindern mit Behinderungen erleben oft erhebliche Barrieren, fühlen sich teilweise nicht willkommen oder durch die Reize im Gottesdienst überfordert. Oft mangelt es an einer expliziten Akzeptanz kindlichen Verhaltens (Bewegungsdrang, Lautstärke).

Empfehlung: Es muss eine Sensibilität für ungewollte Ausschlussmechanismen geschaffen werden. Eine gelebte Willkommenskultur, die auch Unruhe und Bewegung akzeptiert, sowie die Bereitstellung von Ausweichräumen sind essentiell.

7. Potenzial von Bildungsinstitutionen und Vernetzung

Gottesdienste in Kitas und Schulen erreichen viele Familien (Bereitschaft zur Teilnahme bei ca. 69 %), werden aber oft noch zu wenig konzeptionell mit der Gemeindearbeit verknüpft.

Empfehlung: Die Vernetzung zwischen Theologie, Gemeindepädagogik und Kirchenmusik muss intensiviert werden. Gemeinsame Aus- und Fortbildungen der Berufsgruppen können helfen, den Gottesdienst als Schnittpunkt der verschiedenen Arbeitsfelder zu begreifen.

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