Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
  • Weihnachten

Advent

veröffentlicht 26.09.2012

von Heike Gels

Angefangen haben wir alle klein. Sind selig auf dem Boden gekrabbelt, bevor man uns lehrte, die hohen Stühle zu erobern. Damals haben wir den Kurs selbst bestimmt: vom Puppenhaus auf allen Vieren zum Kaufladen, dann zur Autorennbahn des großen Bruders, zurück zu Mutters Nähkasten oder gleich ins Blumenbeet, auch wenn Vater erzieherisch eingriff.

Wir konnten etwas, bevor wir’s mussten. Wo wir als Große angekommen sind, zwischen Lohnzettel, Waage, Konto, Dax, Tacho und CO2-Werten, scheint normal. „Advent ist, wenn der Euro hält“, sagt einer auf dem Börsenparkett.

So viel Normalität ruft nach Revolution. Die steckt im Advent: verwandelte Welt, endlich erwartungs- und spannungsgeladen. Nicht das bekannte „24-Stunden-Déjà-vu“, sondern Vorfreude auf die Leutseligkeit Gottes in einem Kind. Die Allmacht im Winzling, Heiliges im Schäbigsten, im Kaputten das Heile.

Endlich Zeit zu spielen, zu schenken, für irdisches Vergnügen in hochheiliger Zeit. Normal ist, was alle aus Angst tun: Advent erhebt Einspruch dagegen, hilft, vom hohen Ross hinunter auf die Erde zu kommen, wo die Krippe steht. Zum Spielen und Schenken, Beten und Tagträumen. Da, wo wir als Kinder angefangen haben.

Von Christian König

Advent ganz anders

Wenn die Kinder am 1. Dezember das erste Türchen am Adventskalender aufmachen, dann ist Advent. Obwohl er manchmal schon am 27. November beginnt oder erst am 3. Dezember, damit der 1. Advent auf einen Sonntag fällt. Spätestens dann geht es auch um die Frage der Wünsche und Geschenke. Für den Einzelhandel beginnt der Advent schon vor den Herbstferien mit Lebkuchen und Spekulatius, Schokolade und Marzipan. Die Genüsse des Weihnachtsfestes sind schon vorher verfügbar. Einige Menschen warten noch bis Weihnachten, aber seien wir ehrlich: Die meisten naschen schon vorher.

Erst seit dem 16. Jahrhundert ist Advent im Dezember. Tausend Jahre lang zuvor begann der Advent am Martinstag, also am 11. November. Dann folgte eine 40-tägige Fastenzeit bis zum Epiphaniastag am 6. Januar. Das waren also acht Wochen abzüglich der fastenfreien Sonn- und Feiertage und damit insgesamt 40 Tage. Denn auch Jesus fastete 40 Tage in der Wüste und das Volk Israel war 40 Jahre in der Wüste unterwegs. In der orthodoxen Kirche in Ländern wie Russland und Griechenland gibt es gar keinen Advent wie bei uns, sondern ebenfalls eine Fastenzeit, die am 15. November beginnt und am 24. Dezember endet. Weihnachten feiert man dort allerdings auch erst am 6. Januar. Und die ersten Jahrhunderte nach Christus bis ins 6. Jahrhundert hinein gab es kein Weihnachtsfest wie bei uns heute und auch keine Adventszeit.

Unser Advent ist ziemlich modern. Viele unserer Adventsbräuche stammen gerade mal aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Der erste gedruckte Adventskalender erschien 1902. Um 1920 gab es die ersten Adventskalender mit Türchen zum Öffnen. Und erst seit 1958 ist manchmal Schokolade drin. Den ersten Adventskranz hing Pfarrer Johann Hinrich Wichern 1839 im „Rauhen Haus“ in Hamburg auf. Er war aus Holz und hatte 23 Kerzen, 19 kleine rote für die Werktage bis Weihnachten, vier dicke weiße für die Sonntage. In den orthodoxen Kirchen haben die Adventskränze sechs Kerzen, denn die orthodoxen Christen bereiten sich sechs Wochen auf das Fest vor.

Von Hans Genthe

Nikolaus und Santa Claus

Im Mittelalter waren es vor allem Kaufleute und Seefahrer, die den heiligen Nikolaus verehrten und ihre Bräuche auch in die neue Welt mitnahmen. Dort erschien Santa Claus dann als Weihnachtsmann, der mit seinen Geschenkpaketen auf einem von fliegenden Rentieren gezogenen Schlitten daherkommt.

Einem Kobold gleich rauscht er durch den Kamin, um Geschenke im Haus zu verteilen. Diese Vorstellung könnte auf ein 1823 anonym veröffentlichtes Gedicht „The Night Before Christmas“ zurückgehen. Der Nikolaus vom Nordpol ähnelt stark dem skandinavischen, der die Menschen mit Rute und Nüssen auf den langen und kalten Winter vorbereitet und in Lappland wohnt.

Der traditionelle Nikolaus, heute nur selten zu sehen, trägt ein Bischofsgewand sowie eine Bischofsmütze mit einem Kreuz. Und er hält einen Hirtenstab in der Hand. So sahen auch noch die ersten Nikolausfiguren aus Schokolade aus dem Jahr 1820 aus. Aber schon die Darstellung des Nikolaus im Struwwelpeter aus dem Jahr 1844 ist dem heutigen Bild des Weihnachtsmanns auffallend ähnlich. In den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts setzte sich mehr und mehr die heute weitverbreitete rot-weiße Robe des Weihnachtsmanns durch. Weltweit verbreitet und verfestigt haben das Zeichnungen des amerikanischen Grafikers und Cartoonisten Haddon Sundblom, der von 1931 bis 1966 zwecks Werbung für die Coca-Cola Company jährlich den Weihnachtsmann zeichnete. Auch hier entstand gleich eine neue Legende: Das Modell Sundbloms sei ein pensionierter Mitarbeiter von Coca-Cola gewesen.

Von Hans Genthe

Vom Nikolaus zum Weihnachtsmann

Ob Nikolaus oder Weihnachtsmann, Santa Claus oder Väterchen Frost: Viele Legenden ranken sich um diese Gestalten und alle gehen zurück auf den Bischof Nikolaus von Myra. Um das Jahr 300 hatte er sich einen Namen gemacht als Kämpfer für Entrechtete und Arme. Als Sohn reicher Eltern soll Nikolaus sein gesamtes ererbtes Vermögen den Armen gegeben haben.

So berichtet eine Legende, er habe eine arme Familie davor bewahrt, die Töchter in ein Bordell verkaufen zu müssen, indem er abends prall gefüllte Geldbeutel über die Mauer geworfen habe. Eine sehr bekannte Legende zeigt ihn als Bischof der Stadt Myra, dem heutigen Demre, einem kleinen Ort, 100 Kilometer südwestlich von Antalya in der heutigen Türkei. Als während einer Hungersnot Schiffe aus Alexandrien mit Korn für Rom vor Anker gehen, bittet er die Kapitäne, der Stadt einen Teil des Korns zu verkaufen.

Die Schiffsführer stimmten zu, allerdings nur unter der Bedingung, die Schiffe dürften nicht sichtbar leichter werden. Und das Wunder geschieht, die Stadt kann Korn für zwei Jahre erwerben. Im Mittelpunkt der Verehrung des Heiligen Nikolaus stehen kleine Geschenke für die Kinder am Nikolaustag.

Im Mittelalter verändert sich seine helfende Rolle, als die Gestalt des Knecht Ruprecht dazukommt, die den gütigen Nikolaus begleitet und Verfehlungen bestraft. Martin Luther wollte die Heiligenverehrung in den Nikolausbräuchen zurückdrängen und empfahl das biblische Christkind als Geschenkebringer. Tatsächlich hat sich das Schenken zum Weihnachtsfest erst im 19. Jahrhundert nach und nach durchgesetzt und die Nikolausgeschenke etwas verdrängt.

Von Hans Genthe

 

Der Adventskranz: eine Erfindung der Diakonie

Das Original wurde 1839 von Johann Wichern, dem Begründer der Inneren Mission, in Hamburg aufgehängt

Ein gutes Dutzend Kinder steht in der Stube des kleinen reetgedeckten Fachwerkhauses aufgeregt unter einem hölzernen, wagenradgroßen Leuchter, der mit vier großen weißen und 19 kleineren roten Kerzen geschmückt ist. Die Hausmutter holt mit einem Span eine Flamme aus dem bollernden Herd und entzündet die erste Kerze. Im Hintergrund stimmt der Hausvater am Klavier sachte eine Melodie an: „O komm, o komm, du Morgenstern, lass uns dich schaun, unsern Herrn. Vertreib das Dunkel unsrer Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht.“ So oder so ähnlich könnte es sich zugetragen haben, als vor ungefähr 165 Jahren im „Rauhen Haus“ in Hamburg der erste Adventskranz aufgehängt wurde. Im Oktober 1833 hatte der evangelische Theologe Johann Wichern (1808–1881) gemeinsam mit seiner verwitweten Mutter und einer seiner Schwestern vor den Toren der Hansestadt ein kleines Bauernhaus für verwahrloste und verwaiste Kinder aus den Elendsvierteln der Stadt eingerichtet. Wichern verfolgte eine damals völlig neue pädagogische Idee: Seine „Zöglinge“ sollten nicht in einer der damals üblichen Erziehungskasernen aufwachsen, sondern in Familien von zehn bis zwölf Kindern (anfangs nur Buben) mit einem Betreuer groß werden, der für sie mehr eine Art großer Bruder sein sollte. Jede Familie sollte ihr eigenes Haus bewohnen. So entstanden in den Folgejahren immer mehr Häuser auf dem Gelände um das Rauhe Haus, 1838 wurde ein „Bethaus“ errichtet.

Wie Wichern, der auch als Begründer der „Inneren Mission der Evangelischen Kirche“ – dem Vorläufer der heutigen Diakonie – gilt, auf die Idee des kerzengeschmückten Wagenrads kam, ist nicht überliefert. Erklärungsangebote dafür gibt es jedoch viele: Das lateinische Wort „adventus“ bedeutet eigentlich Ankunft. Die Römer bezeichneten den ersten offiziellen Besuch eines Herrschers oder die Thronbesteigung eines Kaisers als „adventus“. Für die Christen ist der Advent die Zeit der Vorfreude auf die Geburt Christi. Der erste Sonntag im Advent, der 1. Advent, ist zugleich der Beginn eines neuen Kirchenjahrs. Der 24. Dezember zählt – allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz – noch zum Advent. Erst am Abend dieses Tages beginnt die eigentliche Weihnachtszeit.

Der Kranz war schon in der Antike – meist aus Lorbeer – ein Symbol des Sieges. Der Adventskranz kann so vielleicht auch als Symbol des Sieges der Christen über das Dunkle gesehen werden. Das Licht symbolisiert Hoffnung und die Abwehr des Bösen, da es die Dunkelheit vertreibt. Es liegt also nahe, dass Wichern in seinen sogenannten Kerzen-Andachten in der dunklen Winters- und Adventszeit ein wenig Licht ins Leben seiner Schützlinge bringen wollte. Der „Effekt“ eines kerzengeschmückten Adventskranzes lässt sich selbst bei den heutigen „Hightech-Kindern“ noch an deren Augen ablesen. Wicherns Adventskranz hatte übrigens für jeden Tag der Adventszeit eine Kerze. Je nach Lage des Weihnachtsfests im Jahreskalender wechselte die Anzahl der Kerzen. Wichern sah vier große weiße Kerzen für die Adventssonntage vor, dazwischen 18 bis 24 kleine rote Kerzen für die Werktage bis einschließlich 24. Dezember. Der Kranz war mit weißen Bändern umwunden und mit Tannenzapfen besteckt. Ab 1851 wurde der Überlieferung nach im Rauhen Haus der Holzreif erstmals mit grünen Tannenzweigen als Zeichen für das Leben geschmückt. Von Norddeutschland setzte sich der Adventskranz nach und nach in der evangelischen Kirche durch und fand allmählich auch seinen Weg in die heimischen Wohnzimmer – allerdings wesentlich kleiner und nur noch mit vier Kerzen für die Sonntage – bestückt. In einer katholischen Kirche hing der Adventskranz zum ersten Mal im Jahr 1925, und zwar in Köln. In Österreich verbreitete sich der Brauch so richtig erst nach 1945.

In der Stiftung Rauhes Haus (www.rauheshaus.de), einer der bekanntesten diakonischen Einrichtungen Deutschlands, wird die Tradition des wichernschen Adventkranzes nach wie vor gepflegt. Beim Adventsmarkt am Mittwoch vor dem ersten Advent kann man sogar dabei zusehen, wie er hergestellt wird.

Von Karin Tzschentke, Pressereferentin Diakonie Österreich

Social Media

Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

EKHN-Newsletter  &  EKHN-Mitteilungen

Kostenlos abonnieren: Aktuelle Nachrichten, Stellungnahmen, kirchliche Angebote, Entwicklungen, Veranstaltungen und Fortbildungen:

  • im EKHN-Newsletter für Mitglieder

  • in den EKHN-Mitteilungen für Ehren- und Hauptamtliche

Newsletter-Anmeldungen